Drei Frauen : Ancestors 2022

Ancestor Projekt 2022. Das Bild zeigt 3 Frauen
3 Frauen, 2022

Jedes Jahr entsteht eine ANCESTORS Arbeit, in der ich mich mit meinen AhnInnen auseinandersetze oder ein geschichtliches Thema aufgreife. Diese Jahr widme ich es drei Frauen aus meiner Familie. Zum Projekt von 2021

Drei Frauen

Niemand kann es wirklich verstehen. Niemand. Mit dieser Gewissheit beginne ich. Und wage ich. Den Beginn. Drei Frauen porträtiere ich.  Eine Ahnin und zwei, die da sind. Alle drei aus einer Ahnin geboren. Meiner Urgroßmutter aus dem Zillertal. Gäbe es das Foto in meinem zerschlissenen Fotoalbum nicht, wäre (auch) sie eine Unsichtbare, eine gesichtslose für mich. Sind wir das alle irgendwann einmal oder ist in Zeiten der Digitalisierung das Erinnern, das Gedächtnis länger anhaltend? Zumindest gibt es Bilder, oder? Wir werden sehen.

Ich musste meine Mama um den Namen ihrer Oma, der Mutter ihrer Mutter, fragen: Anna Woldrich, geborene Ausserhofer. Sie entstammte einer Bäckerfamilie. Für ihren Mann, einen Maler und Anstreicher, machte sie die Buchhaltung. Anna wurde keine 80.

Die dritte Frau, neben meiner Mama und meiner Urgroßmutter, ist meine geliebte Großtante Hilde. Sie ist die Tochter meiner Urgroßmutter Anna und Schwester meiner Oma, der Mama meiner Mama. Sie ist Engel und Heldin meiner Kindheit und ihr Glanz strahlt in meinen Erinnerungen wieder. Ich habe oft mit ihr über diese Bilder gesprochen, die ich von ihr habe und sie betont stehts, dass sie sich darin nicht wieder erkennt. Ist es so, dass eine Person ein Platzhalter ist? Ein Wunschgebilde? Zumindest in ihrem Fall. Es gab für mich viele Figuren, die genau das Gegenteil waren von ihr. Vielleicht ist es einfach so, dass jemand der ist, den man sich so zusammenfügt, obwohl er oder sie gar nicht so ist? Hilde ist mein ein und alles. Immer noch. Sie liebte ihre Mutter, meine Urgroßmutter über alles.

Im Gedanken, um es mir etwas übersichtlicher vorzustellen, müssen die russischen Stapelfiguren, die Matroschkas, herhalten.  Ich stecke die drei Frauen ineinander und merke, dass statt Hilde, ihre Schwester, meine Oma – über die ich noch nicht geschrieben habe – in der Abfolge enthalten sein sollte. Also: Uroma. Oma. Hilde gebe ich an ihrer Stelle heraus. Mama. Ich und schließlich meine Tochter. Jetzt stimmt es. Zumindest auf einer „Ebene“. Der Ausdruck „Ebene“ ist geprägt von meinem Vater, der den Begriff oft verwendet, um bedeutungsvolle und komplexe philosophische Sachverhalte in Worte zu kleiden.

Meine Mutter ist eine wundersame und vielschichtige Frau. Eine Zwiebel. Unendlich viele Schichten. Hat eine Zwiebel einen Kern?

Sie trägt unzählbare Geschichten und Erfahrungen in sich. Vieles davon kann ich nicht einmal erahnen. Bleibt verborgen. So ein Leben ist ein echtes Wunderwerk, denke ich mir ab und an. In manchen Momenten ist diese Gewissheit sogar richtig körperlich spürbar. In und an mir selbst. Meine Jahresringe mehren sich. Vielleicht hat es damit zu tun.

Dieses Foto. Das Einzige, das ich von Uroma habe, zeigt sie, ihre Tochter Hilde, meine Mama und mich. Und ich glaube eine Schwester von mir. Das Foto habe ich gerade nicht zur Hand. Mit Erinnerungen ist es auch so. Einmal ist jenes deutlicher und anderes wird außer Acht gelassen. Immer das ist gerade deutlich sichtbar, dass im Fokus der Wahrnehmung steht, was gerade interessiert. Im Wissen, dass alles gleichzeitig da ist. Irgendwie zumindest.

Meine Uroma trägt dicke Brillen. Ein Kleid. Klein ist sie. Eine alte Frau. Ich schaue mir das Foto später genau an. Um die Erinnerung mit dem tatsächlichen Bild abzugleichen. Meine Großtante Hilde ist für mich immer wunderschön, egal wie sie gerade aussieht.

Meine Mama ist auch auf dem Bild. Ich komme gerade von einem langen Krankenhausaufenthalt zurück. Sie sieht so schön aus mit ihren langen kastanienbraunen Haaren.

Pause. Ich trinke eine Tasse Tee und suche das Album.

Jetzt halte ich das Foto in Händen und ich bin erstaunt wie weit meine Erinnerung und das tatsächliche Bild voneinander abweichen.

Ganz links steht Hilde mit modischem Kurzhaarschnitt. Sie trägt einen weißen Pullover und einen gemusterten langen Rock. Rechts neben ihr, ihre Mutter, die gar nicht so klein ist, wie ich sie in Erinnerung habe, trägt ein blau gemustertes Kleid und lächelt. Einzig ihre Brille ist tatsächlich so, wie ich sie erinnert habe. Dann kommt Mama, mit einem Baby auf ihrem Arm. Ihre Haare zusammengebunden. In der vorderen Reihe zwischen Hilde und ihrer Mutter Anna, ich mit meiner Puppe und strahlend lächelnd. Schräg rechts mein Bruder, der zu Boden schaut und rechts direkt neben mir meine andere Schwester. Und da ist noch etwas abgeschnittenes ganz rechts. Ist es eine weiter Person?  Das Foto ist vergilbt und alt. Fleckig auf der Rückseite, wie Uromas Altersflecken. Ich besuchte sie kurz vor ihrem Tod noch einmal in Hochzirl. Sie war ein winziges Häufchen. Sie starb bald darauf. Wie wenig weiß ich doch über diese Frau, die Anna hieß. Flatterhaft die Erinnerungen.