Der Ton meines Vaters von Tanja Raich

Der Ton meines Vaters

von Tanja Raich & Tuschezeichnungen von Sarah Iris Mang

Es ist nicht so, dass ich es nicht schon hundert Mal durchgespielt hätte. Und nicht so, als wüsste ich nicht genau jetzt, was kommt. Was sein wird. Was gesagt wird. Ich weiß es genau. Ich könnte mitsprechen. Mitschreien. Aber ich schreie nicht mit, ich verstumme. Und ich blicke aus dem Fenster, blicke hinüber zu den Bergen. Zu dem einen, den ich seit meiner Kindheit als Ende der Welt angesehen habe, oder zum anderen, der eine unbedeutende Form hat und dessen Namen ich mir bis heute nicht gemerkt habe. Ich sehe, dass die Fenster schon lange nicht geputzt worden sind. Und ich schaue in meine Tasse, in der noch ein Schluck Kaffee geblieben ist, den ich immer zurücklasse und schwenke meine Tasse, bis ich das Kaffeepulver sehe und wieder weiß, warum ich das immer so mache.

 

Der Ton meines Vaters (4) (Small)Ich schaue durch die Gesichter am Tisch. Und sehe, wie sie sich bewegen, aber plötzlich höre ich keinen Ton mehr. Aus ihren Mündern kommt nichts, vielleicht Luft. Normalerweise käme jetzt ein Satz, den ich oft schon gehört habe, aber dieses Mal nichts. Die Münder bewegen sich und ich versuche an ihren Lippen abzulesen, wovon sie gerade sprechen. Aber ich höre sie nicht. Gerade eben habe ich noch jedes Wort wie einen Schlag gegen mein Trommelfell vernommen, aber plötzlich ist es, als wäre eine schalldichte Wand zwischen uns. Die Gesichter verschwimmen vor mir zu einer unkenntlichen Masse. Und die Stille erbricht sich wie eine Flut über mich. Ich höre nicht einmal das Rauschen meines Blutes.

Ich fasse mir an die Ohren, halte sie zu und öffne sie wieder. Aber nichts hat sich geändert. Und immer noch ist vor mir nur ein Bild ohne Ton. Ich sage, dass ich sie nicht verstehen kann und beobachte die Gesichter, die sich mir zuwenden und wieder etwas sagen. Sie schauen verärgert aus. Und ich weiß nicht, ob sie verärgert über das Thema ihres Gespräches sind oder ob es deshalb ist, weil ich sie nicht verstehen, also ihre Meinung nicht teilen kann. Ich sage, es tut mir leid, aber ich kann euch nicht hören und versuche die Verzweiflung in meiner Stimme zu verbergen, ich habe mich wohl im Ton vergriffen, denn die Gesichter verfinstern sich nur noch weiter. Und meine Mutter steht auf und schlägt die Tür hinter sich zu. Und ich zucke zusammen, obwohl ich den Schlag nicht hören kann. Die Tante schüttelt den Kopf. Der Vater redet weiter.

Der Ton meines Vaters von Tanja Raich (c) Sarah Iris Mang (2) (Small) (2)Er öffnet den Mund nur einen Spaltbreit, wendet den Kopf zu meiner Tante und schon blicken beide wieder zu mir, schütteln verächtlich die Köpfe. Ich sage noch einmal, dass ich sie nicht hören kann und dass es kein Scherz ist. Aber sie hören mir nicht zu. Sie reden wieder, wahrscheinlich dort weiter, wo sie vorher stehen geblieben sind und wieder versuche ich von ihren Lippen abzulesen, wovon sie gerade sprechen. „Nehmen“ kann ich gerade noch entziffern und „uns“, aber ich schaffe es nicht, mich zu konzentrieren. In meinem Kopf hämmern Gedanken und sie reden zu schnell, ihre Lippen formen sich nicht deutlich genug. Ich nehme aber an, dass sie wieder von denselben Dingen sprechen, mit denen sie vorher begonnen haben und noch immer zu keinem Ende gekommen sind. Und ich versuche meine Gedanken zu beruhigen und in andere Bahnen zu lenken.

Ich beobachte sie. Jede Bewegung in ihren Gesichtern und an ihren Körpern. Dabei sehe ich ganz deutlich, dass es nicht nur immer dieselben Gespräche sind, dass auch ihre Gesten genau dieselben sind, wie immer, wenn sie davon sprechen. Sie reden, als würde es um sie selbst gehen. Als würde ihnen wirklich jemand etwas wegnehmen wollen. Und ich möchte schreien, aber aus mir kommt nichts heraus, nur Luft.

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Meine Mutter kommt wieder zurück in die Küche. Sie setzt sich neben meinen Vater und wirft mir einen bösen Blick zu. Sie schaut auf seine Lippen, beobachtet ihn von der Seite und nickt zustimmend. Er redet weiter. Seine Mundwinkel ziehen sich nach unten und in der Mitte seiner Stirn bildet sich ein Dreiergespann aus Falten. Ich bin froh, dass ich nichts davon hören kann. Seine Sätze betreffen mich nicht. Und dabei denke ich, dass es nur vorübergehend sein wird. Wahrscheinlich werde ich den Satz, den sie immer sagen, in Variationen und Wiederholungen, gerade noch hören. Er wird an mein Trommelfell schlagen. Und ich werde versuchen, ihn an mir abprallen zu lassen. Und dabei werde ich denken, dass es nur ein paar Tage sind. Dass ich bald wieder wegkomme von hier und alles wieder vergessen kann.

Ich sage nichts mehr, tue so, als würde ich das verstehen, was sie sagen, und als würde ich zustimmen, als hätte ich meine Meinung jetzt geändert. Ich entspanne meine Stirn. Ich hebe meine Mundwinkel bis zur Horizontalen. Ich stelle meine Augen wieder auf normale Größe.

Der Ton meines Vaters (5) (Small)

Ich denke mir, dass dieser Berg, dessen Name mir nicht einfällt, ein hässlicher Berg ist. Er hat kein Profil. Er ist einer wie viele hier, mit Nadelwäldern bedeckt bis zur Spitze, rundlich in der Form und obwohl die Größe stimmen würde, sieht er doch nur aus wie ein kleiner Hügel, den man nicht ernst nehmen muss. Ich versuche mich an seinen Namen zu erinnern, aber es fällt mir nicht ein und ich versuche mich zu erinnern, ob ich jemals schon auf diesem Berg gewesen bin, aber auch das kann ich nicht mit Sicherheit sagen.

Ich sehe, wie mein Vater die Hand ausholt und mit der Faust auf den Tisch schlägt. Dabei versuche ich nicht von seinen Lippen zu lesen, ich kann mir ja vorstellen, was er redet. Trotzdem beginnt mein Herz mir gegen die Brust zu schlagen. Und ich kann nicht anders, als auf seinen Mund zu starren, der eine graue Zahnreihe freilegt und auf dem sich die Barthaare stapeln. Es sind immer dieselben Wörter und Sätze, die er aneinanderreiht. Er spuckt, wenn er redet. Ein paar Tropfen landen in meiner Kaffeetasse. Ich vermeide es, ihm in seine Augen zu schauen.

Während mein Vater spricht, schaut mich meine Mutter an. Sie hat einen verständnislosen Blick, der mich durchdringt. Sie versucht wohl zu verstehen, was in mir vorgehen mag und sie versucht wohl auch zu verstehen, wann der Moment gekommen ist, wo ich so geworden bin. Und warum ich nicht einfach einmal zustimmen und einer Meinung mit ihnen sein kann. Sie wirkt böse, obwohl ich noch nicht einmal angefangen habe zu diskutieren. Und wäre ich noch ein Kind, würde sie mir wohl genau jetzt ihre Hand flach auf meinen Kopf schlagen. Ich habe doch nur gesagt, dass ich sie an diesem Tisch – meine Mutter, meinen Vater, meine Tante und meinen Bruder – nicht verstehen kann. Ich höre sie einfach nicht. Und sie reden weiter, als wäre nichts.

Ich verstehe nicht, warum sie jede Art von Gegenrede als Angriff empfinden. Als wäre das, was ich sage, gegen sie gerichtet, als würde es sich um eine persönliche Beleidigung handeln. Dabei will ich nur meinen Standpunkt klarstellen. Und gerade heute habe ich überhaupt nichts gesagt, weil das Gespräch erst dann so richtig begonnen hat, als plötzlich ihre Stimmen verstummt sind, als hätte jemand den Fernseher abgedreht. Und ich kann sie nicht aufhalten in ihren Tiraden, es scheint als wäre mir auch die Stimme verloren gegangen. Ich bin wie in einem Vakuum, als gäbe es nur noch mich auf dieser Welt. Wie eine Beobachterin, die außerhalb steht, aber trotzdem angreifbar ist. Sie sitzen immer noch vor mir. Die Speicheltropfen meines Vaters und auch seinen Faustschlag habe ich in meinen Händen, die den Tisch berühren und die Kaffeetasse umschließen, gespürt. Vielleicht habe ich gerade einen Hörsturz erlebt. Vielleicht werde ich nicht wieder hören können.

Wenn meine Tante spricht, dann bewegt sich ihr ganzer Körper dabei. Sie gestikuliert so wild mit ihren Händen, dass man schon mal einen Schlag abgekommen kann, wenn man neben ihr sitzt. Vom vielen Rauchen ist ihre Haut grau geworden und ihre Haare hängen in fettigen Strähnen vom Kopf. Sie hat tiefe Ringe unter ihren Augen und sie schaut unglücklich aus.

Tante

Sie hat schon seit Jahrzehnten keine Arbeit mehr. Sie hat immer gesagt, dass sie sich um ihr Kind kümmern muss. Dass sie nicht arbeiten könne, weil sie einen Mann und ein Kind versorgen müsse. Aber das Kind ist zweiunddreißig mittlerweile und sie hat immer noch keine Arbeit, sagt, dass sie Knieschmerzen habe und Rückenschmerzen. Und dass sie so nicht arbeiten könne und sie geht von einer zur anderen Therapie, aber ihre Schmerzen sind immer die gleichen.

Wenn sie spricht, dann sammelt sich Spucke in ihren Mundwinkeln an, die weiß ist, wenn sie gerade einen Kaugummi kaut. Und gerade spricht sie viel. „Uns“ sagt sie oft dabei und „unser“. Das erkenne ich daran, dass sie ihre Lippen übertrieben spitzt und beide Hände auf ihre Brust legt. Meine Mutter schaut überrascht, es scheint, als hätte meine Tante ihr etwas Neues erzählt und sie ist sichtlich verärgert darüber. Sofort wirft sie wieder einen Blick zu mir, der mir sagen will, dass sie recht hat damit. Dass ich gut zuhören sollte, was meine Tante hier erzählt, damit ich einmal verstehen lerne. Damit ich einmal weiß, was wirklich die Sache ist, wie es ihnen wirklich hier ergeht und dass es höchste Zeit ist für mich, meine naive Vorstellung von Welt zu überdenken. Meine Tante hat sich während ihrer Rede mindestens drei Mal den Vogel gezeigt und mindestens fünf Mal verächtlich mit der Hand abgewinkt. Geschichten sind es. Gerüchte. Und die Handbewegung macht sie dann meist, wenn sie über die Politik spricht. Alle hereinlassen, sagt sie dann gerne. Meine Mutter schüttelt wieder den Kopf, während mein Vater der Tante sichtlich das Wort abschneidet und wieder eine Tirade loslässt, mit dem Kopf wippt dabei. Ich frage mich, seit wann mein Vater mit dem Kopf auf und ab wippt, während er spricht. Ich habe noch nie darauf geachtet und während ich meinen Blick abwende von seinem Mund, der sich öffnet und wieder schließt, und durch sein Gesicht wandere, entdecke ich zwei weiße Haare auf seinen Augenbrauen.

Meine Mutter steht auf und sie sieht mich fragend an. Wahrscheinlich hat sie mir eine Frage gestellt und ich sage ja, weiß ich zumindest aus der Vergangenheit, dass ein Ja für die meisten Fälle die geeignete Antwort ist. Und meine Mutter nimmt meine Tasse in die Hand, dreht sich um und stellt einen neuen Kaffee auf.

Der Ton meines Vaters (6) (Small)Mein Vater spricht immer noch, aber sein Blick hat sich plötzlich verwandelt. Er schaut bösartig aus und wenn ich nicht wüsste, dass er gerade über etwas spricht und nicht mit mir oder zu mir, würde ich Angst haben vor ihm und fürchten, dass er gleich mit der Hand ausholt. Meine Tante wirft etwas ein und auch meine Mutter sagt wieder etwas. Sie werfen sich die Sätze zu, wie im Spiel, und werden immer aufgeheizter, immer wütender. Ich frage mich, wann der Zeitpunkt kommt, wo weißer Schaum aus dem Mund meines Vaters quellen wird. Aber der Zeitpunkt kommt nicht und auch aus meiner Tante kommt kein Schaum, nur weiße Spucke, die als kleines Rinnsal dem Kinn entlang läuft, aus dem Mund. Ich schließe meine Augen und möchte den Raum auf der Stelle verlassen.

Ich versuche mich zu erinnern, wann ich das letzte Mal auf einen Berg bis ganz an die Spitze gegangen bin und über das Tal geblickt habe. Aber es ist schon lange her, und an das Gefühl kann ich mich kaum noch erinnern. Überhaupt sind die Berge ungewöhnlich geworden für mich. Wenn ich vom Balkon über das Tal blicke, wirken die Berge wie eine Kulisse, die nur vorläufig ist und gleich wieder abgerissen wird.

 

Mein Bruder sagt nicht viel. Er ist ganz von dem Redeschwall der Erwachsenen eingenommen. Er käme auch gar nicht zu Wort. Er hört zu mit einem Ohr, während er auf das Display seines Telefons starrt. Er erinnert mich daran, wie ich gewesen bin in seinem Alter. Er sagt zwar nicht viel, aber er hört zu und nickt zustimmend. Und er hält zwar noch keine Tiraden wie mein Vater, aber er ist seiner Meinung. Und mir gegenüber ist er still in dieser Hinsicht und sagt nur kleinlaut, dass wir es hier doch so schön haben bei uns und dass er nicht versteht, warum ich nicht wieder zurückkomme.

 

Wenn er mit seinen Freunden spricht, höre ich auch schon bei ihm den Ton des Vaters, nicht ganz so hart, nicht ganz so gehässig. Er ist feiner in seiner Art, er hält keine Tiraden, sondern sagt diese Dinge ganz nebenbei, ohne viel Emotion. Und der Inhalt ist der gleiche, aber ich kann es nicht verhindern, ich kann ihm seinen Mund nicht verbieten.

Der Ton meines Vaters (3)

Mein Bruder schaut nicht auf von seinem Telefon, als mein Vater erneut auf den Tisch schlägt. Ich frage mich, warum mein Vater ständig auf den Tisch schlägt und gerade jetzt würde ich ihn gerne danach fragen. Aber es ist sinnlos, wenn ich seine Antwort nicht hören kann. Mein Großvater hat auch schon auf den Tisch geschlagen, wenn er sehr energisch von etwas gesprochen hat. Und meine Tante, die sehr stämmige Arme hat, macht das auch. Vor allem dann, wenn sie wieder ein Kartenspiel verloren hat.

Als meine Mutter mir die Tasse mit neuem Kaffee hinstellt, schaut sie mich an und plötzlich schauen mich auch mein Vater, meine Tante und mein Bruder an. Es scheint, als würden sie jetzt über mich sprechen. Aber ich kann auch an ihren Gesten nicht ablesen, was sie mir sagen möchten. Ich sage, genau. Aber meine Mutter schaut wieder verärgert aus und auch mein Vater. Nur mein Bruder, der schaut belustigt und verhält sich sein Lachen.

Ich habe das Gefühl, als würde die Luft in diesem Raum immer weniger werden. Und ich atme tief durch meine Nase und meinen Mund. Und ich zähle. Eins, zwei, drei, vier. Ich habe gelernt, dass ich zählen muss, wenn ich in Panik gerate, fünf, sechs, sieben. Dass ich langsam zählen muss, acht, neun, zehn. Ich atme. Ich atme noch. Aber ich sehe nur Münder, die sich bewegen. Ich kann noch immer nichts hören. Und die Bewegungen laufen über die Gesichter und am Ende sind sie verzerrt. Ich kann sie nicht mehr erkennen und spüre nur noch, dass eine Hand meinen Arm hält.

Warum schreist du, sagt meine Mutter. Was ist mit dir los? Das Gesicht meiner Mutter wird wieder klarer. Sie ist nahe bei mir und hält meinen Arm. Sie sieht besorgt aus, jetzt, mit einer Mischung aus Verärgerung und Empörung und irgendwie unentschieden. Aber ich sage schnell, dass es mir gut geht, dass heute das Wetter sehr schön ist, damit sie sich keine Sorgen machen muss und höre schon nicht mehr, was sie darauf sagt. Wahrscheinlich, dass wir doch nachher alle gemeinsam spazieren gehen sollten.

 

Und alle vier lächeln sie wieder, als sei nichts gewesen. Und sie reden wieder, schauen mich an, ab und zu, ob auch wirklich alles in Ordnung ist. Und bevor wir losgehen, kehren sie noch einmal zurück zu ihrem Gespräch, das keines ist, und dumpf in meinen Ohren hämmert. Der Mund meines Vaters öffnet und schließt sich. Manchmal sieht er aus wie ein Frosch, denke ich.